Ein geschichtsträchtiger Pfad

In Sichtweite von Washington, D.C. schmiegt sich ein asphaltierter Weg an das Ufer des Potomac River. Washington ist vom Spektakulären geprägt: Täglich fahren Pendler über die Francis Scott Key Bridge oder entlang des Arlington National Cemetery mit seinen Helden- und Präsidentengräbern. Haben Sie die City erreicht, lotst Sie das Straßensystem unweigerlich auf die Prachtstraßen mit den Monumenten der National Mall, vorbei an Denkmälern und Museen und natürlich an den Halls of Power (U.S. Kapitol).

 

In dieser Stadt führt die Marathonstrecke an den Jefferson und Lincoln Memorials entlang zum Washington-Monument, rund um das Weiße Haus und das Kapitol. Zoobesucher fotografieren Tiere, bei denen es sich womöglich um Gastgeschenke ausländischer Regierungen handelt. Wanderer, die eine Brücke zu einer kleinen Insel mitten auf dem Potomac überqueren, stoßen unter Umständen auf ein Netz halb verwildeter Wanderwege, überragt von einem monumentalen Theodore-Roosevelt-Denkmal. Washington D.C. ist das Herz des Potomac Heritage Trail, ein teils existierendes, teils noch in Planung befindliches Wegesystem, das auf 1300 Kilometern Einblicke in die Geschichte Amerikas und die Geografie der Ostküste gibt.

 

Jefferson Memorial, Das Wahrzeichen von Washington, D.C.
Jefferson Memorial, Washington, D.C.

 

Der bescheidene asphaltierte Weg des Potomac Heritage Trail am Potomac beginnt im Schatten von George Washingtons Landsitz Mount Vernon. Der mit mehreren Präsidenten und einem Richter des Obersten Gerichtshofs in Zusammenhang stehende Trail geht in einigen Abschnitten auf die ersten Tage der USA zurück. Damals verbanden die Routen nach Westen – darunter ein Treidelpfad am ehemaligen Chesapeake & Ohio (C & O) Canal – die Wassereinzugsgebiete des Potomac und des Ohio River miteinander als Teil eines Handelsweges, der schließlich von den Hafenstädten am Atlantik bis zum Golf von Mexiko reichen sollte.

 

Bereits während des Siebenjährigen Krieges in Nordamerika war George Washington, damals noch ein junger Offizier, von der Ostküste bis nach Westpennsylvania gereist. Seiner Vision zufolge sollte der Potomac eines Tages die Chesapeake-Bucht mit dem Wassereinzugsgebiet des Ohio verbinden. Zwar misslang dieses ursprüngliche Projekt, der Patowmack Canal, er wurde jedoch zum Vorgänger des C & O Canal. Ein Schild am Trail könnte also den wahrheitsgemäßen Hinweis tragen: Hier ging George Washington.

 

Potomac Heritage Trail - George Washingtons Landsitz Mount Vernon, südlich von Washington, D.C.
Potomac Heritage Trail – George Washingtons Landsitz Mount Vernon, südlich von Washington, D.C.

 

Der Potomac Heritage Trail ist auch in einer anderen Hinsicht ein waschechter Washington-Pfad: Er folgt keiner geraden Linie von A nach B. Für streng zielorientierte Langstreckenwanderer ist dieser Trail mit seinen Schleifen, Ausläufern und Parallelen eine Besonderheit. Manchmal verläuft er auf beiden Seiten des Potomac. Manchmal muss man auf Straßen wandern, um markierte Abschnitte miteinander zu verbinden. Und an wieder anderen Stellen besitzt die Hauptroute kreisförmige Nebenwege.

 

Obwohl das Herzstück des Trails auf einer Linie mit den etablierten Verkehrsrouten von der Chesapeake Bay zu den Allegheny Highlands verläuft, ist er kein Weg zum Durchwandern, die Augen an den Horizont geheftet. Vielmehr ist er ein Trail zum Erkunden, vielleicht über mehrere Jahre hinweg. Nebenwege führen an historisch oder landschaftlich interessante Orte. Und jedes Jahr verlängert sich der Trail um weitere Abschnitte. Man muss noch nicht einmal zu Fuß gehen. Zahlreiche Trailabschnitte sind auch für Radfahrer oder Reiter freigegeben. Die meisten zu diesem Netz gehörenden Wege folgen Flussläufen.

 

Das 1300 Kilometer lange Wegenetz, das zusammen genommen den Potomac Heritage Trail bildet, verbindet die Chesapeake Bay mit Washington, D.C. und dem Allegheny Plateau in Pennsylvania. Die Strecke führt durch ein Mosaik aus Kolonialsiedlungen, Geburts- und Wohnorten von Gründungsvätern, Orten historischer Begegnungen zwischen Europäern und Indianern, Bürgerkriegsschauplätzen, Amerikas ersten Eisenbahnlinien und Stätten mit technischen Wunderwerken wie dem Paw-Paw-Tunnel. Gleichzeitig ist sie ein geografischer Lehrpfad. Besonderheiten wie das Marschland, Piedmont, die jähe Falllinie an den Great Falls des Potomac River und die Östliche Kontinentale Wasserscheide, werden auf dem Potomac Heritage Trail mit Leben gefüllt.

 

Potomac River in Washington, D.C. & Jefferson Memorial
Potomac River in Washington, D.C. & Jefferson Memorial

 

Als Grundstein des Potomac Heritage Trail gilt der C & O Canal. Fast 100 Jahre lang trug er Kanalboote durch die damals unermesslich große Wildnis bis ins 300 Kilometer weiter westlich in Maryland gelegene Cumberland. Der Kanal wurde zwischen 1828 und 1850 erbaut. Er war oft überschwemmt und diente bis 1924 nur sporadisch als Transportweg, bis er durch die wirtschaftlich effizientere Eisenbahn ersetzt wurde. Für die Gemeinden am Potomac River ermöglichte der Kanal den Handel. In Georgetown können Besucher ein Kanalstück besichtigen, das noch in etwa dem Originalzustand von vor 100 Jahren entspricht.

 

Doch nicht nur Kanal- und Handelsgeschichte ist entlang des Trails lebendig geblieben: Hier wurde mit dem Bau des 950 Meter langen Paw-Paw-Tunnels (1836-1850) Technikgeschichte geschrieben. Er sollte einen zehn Kilometer langen Abschnitt des Potomac abkürzen, der dort fünf Mäanderschlingen durchläuft. Heute kann man den Tunnel zu Fuß durchwandern.

 

Entlang der Route wird auch Bürgerkriegsgeschichte lebendig. Harpers Ferry, wo John Brown seinen Angriff vorbereitete und sein Leben ließ, ist ein beliebtes Ziel für Tagesausflügler. Auf den Bolivar Heights oberhalb von Harpers Ferry fand die Schlacht um Harpers Ferry statt, die mit der schwersten Niederlage der Unionstruppen im Bürgerkrieg endete. Flussaufwärts führt ein Abstecher vom Potomac aus an den Antietam, wo die verlustreichste Schlacht des gesamten Bürgerkriegs 22 000 Todesopfer an einem einzigen Tag forderte.

 

Nicht nur die Orte, durch die der Trail führt, sind eng mit der amerikanischen Geschichte verknüpft. Auch der Trail selbst weist allerlei Bezüge zu historischen Persönlichkeiten auf. George Washington war der erste in einer Reihe amerikanischer Staatsführer, die sich mit dem Aufbau eines Verkehrsweges entlang des Potomac befassten. Auch der Präsident Lyndon Johnson war mit dem Trail verbunden, nicht nur als Unterzeichner des Gesetzes zum National Trails System, sondern auch, weil der Blick auf den Potomac für ihn und Lady Bird Johnson bei jeder Rückkehr ins Weiße Haus ein beliebter Anlass für einen Zwischenstopp war. Ihnen beiden sind Parks am Flussufer gewidmet. Dem Präsidenten das Lyndon Johnson Memorial Grove, der First Lady der Lady Bird Johnson Park.

 

Richter William O. Douglas vom Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, dessen enge Bindung zu den Bergen seines Heimatstaates Washington und zur Wildnis des Pacific Crest Trail, die seinen Namen trägt, bekannt war, schätzte den 300 Kilometer langen C & O Canal als Quell der Erholung, lange bevor es den Potomac Heritage Trail oder auch nur ein National Trails System gab. 1954 tauschte er seine Robe gegen den Wanderstab ein und organisierte eine achttägige Wanderung auf dem Treidelpfad des Kanals, um ihn vor der Umwandlung in eine Schnellstraße zu retten. Das Unternehmen war erfolgreich: 1971 wurde der Kanal zum nationalen Baudenkmal erklärt, und 1983 wurde der Treidelpfad in den Potomac Heritage Trail integriert.

 

Die Route

Von der Chesapeake Bay bis Washington, D.C. folgt der Potomac Heritage Trail geschichtsträchtigen stadtnahen Spazierwegen sowie asphaltierten Fahrradwegen. Zu diesem ständig weiterentwickelten Wegenetz gehören Abschnitte auf beiden Seiten des Potomac River, darunter auch Fahrradwege beidseits seiner weitläufigen Mündung in die Chesapeake Bay.

 

Auf der Virginia zugewandten Seite des Potomac entsteht zwischen Locust Shade Park im Prince William County und Whites Ferry bei Leesburg durch die Zusammenarbeit lokaler Regierungen mit ehrenamtlichen Helfern zurzeit ein durchgehender 160 Kilometer langer Pfad. Der 29 Kilometer lange Mount Vernon Trail, der den Vernon mit Alexandria und Theodore Roosevelt Island verbindet, ist Teil des Wegenetzes.

 

Auf Washingtoner Seite verbindet der Trail die Fort Circle Parks miteinander und bietet zusammen mit dem Abstecher zum Rock Creek und den Glover-Archbold-Parks erstklassige stadtnahe Wandermöglichkeiten.

 

In Georgetown scheint sich der Weg für eine Richtung – den Nordwesten – zu entscheiden und erreicht den C & O Canal. Als Hauptschlagader des Trailsystems führt er am Nordufer des Potomac entlang bis nach Cumberland, Maryland. Die Route säumen zahlreiche Campingplätze. Ist der heutige Kanal ein Wassergraben, der Schildkröten, Fröschen und Wasserpflanzen einen Lebensraum bietet, so ist der ebene, breite, barrierefreie Treidelpfad an seinem Ufer beliebt bei Wanderern, Joggern und Radfahrern. Hinter Cumberland verlässt der Trail den Kanal und erreicht auf dem Landweg die Great Allegheny Passage, einen Mehrzweckweg auf einer ehemaligen Bahntrasse. Hier kreuzt die Strecke die Östliche Kontinentale Wasserscheide und verlässt das Wassereinzugsgebiet des Atlantiks. Von hier an fließen alle Gewässer in den Ohio, den Mississippi und letztlich in den Golf von Mexiko.

 

Im Ohiopyle State Park verzweigt sich der Potomac Heritage Trail. Radfahrer können den landschaftlich reizvollen, rund 115 Kilometer langen Laurel Highlands Hiking Trail bis nach Seward, Pennsylvania, nehmen oder auf dem Great-Allegheny-Passage-Trailsystem bleiben und der historischen Route nach Westen entlang dem Youghiogheny River bis zu dessen Mündung in den Monongahela River bei Pittsburgh folgen. Hier entsteht aus dem Zusammenfluss von Monongahela und Allegheny der Ohio River.

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