Eine Wanderung durch den Norden

Von allen offiziell anerkannten US-Fernwanderwegen fällt es beim North Country Trail (NCT) am schwersten seinen Charakter zu beschreiben. Vielleicht liegt es an seiner Länge. Mit rund 7400 Kilometern ist er länger als anderen National Scenic Trails. Die Palette der Landschaften entlang seiner Route reicht von den Kanälen und Weinbergen im Hinterland des Bundesstaats New York bis zu den Prärien von North Dakota und von den Ufern des Lake Michigan und Lake Superior bis zu den kleinen Städten in Ohio und im Norden Wisconsins. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Trail weder einen geografischen noch einen historischen Korridor bildet. Er folgt keiner Bergkette und keiner Reiseroute. Er beginnt in einer Megaregion der USA und weist eine einzigartige Vielfalt auf. Anders als bei den übrigen Fernwanderwegen gibt es von ihm kein Foto, bei dessen Anblick man sofort assoziiert: „Das ist der North Country Trail.“ Er weigert sich schlichtweg mit einem hübschen Etikett versehen und einfach in eine Schublade gesteckt zu werden.

 

Die North Country Trail Association (NCTA) bezeichnet Anhänger, Erbauer, Förderer und Anlieger des Trails als red plaid nation, eine Gemeinschaft aus schwarz-rot karierten Flanell gefertigten Holzfällerhemden. Diese dienen als eine Art Symbol für die Menschen, die entlang des Trails leben. Der North Country Trail verbindet die zwei Bundesstaaten New York und North Dakota, die extreme Gegensätze bilden. Ersterer ist äußerst dicht besiedelt, urban geprägt und liberal, während Letzterer eine nur sehr geringe Bevölkerungsdichte besitzt, ländlich geprägt und erzkonservativ ist. Von allen Fernwanderwegen der USA vermittelt der NCT den besten Überblick über die Vielfalt des Lebens in amerikanischen Kleinstädten und auf dem Land. Vermutlich, weil er hohe Berge, Wüsten, subtropische Gebiete und Küsten meidet.

 

Der North Country Trail hat nicht einmal ansatzweise so viele Wanderer wie der Appalachian Trail und auch weniger als der Pacific Crest Trail oder der Continental Divide Trail. Zum einen ist er mit 7400 Kilometern der mit Abstand längste aller US-Fernwanderwege. Um die Strecke zu bewältigen braucht man bei einem Tagesschnitt von über 30 Kilometern mehr als sieben Monate, ohne sich Erholungen zu gönnen. Realistisch ist daher, von vornherein eher acht oder neun Monate einzuplanen. Auch, wenn Fernwanderer an große Zahlen gewöhnt sind, stehen sie bei dieser Distanz und diesem Zeitaufwand vor einer Herausforderung. Was außerdem viele Fernwanderer an dem North Country Trail abschreckt, ist, dass 3100 Kilometer auf befestigten Straßen und Verbindungsrouten gelaufen werden müssen. Dieser Umstand schreckt viele ab, die lieber in unberührter Natur unterwegs sind. Ein dritter Grund für die geringe Zahl an Fernwanderern auf dem NCT besteht darin, dass sich viele von ihnen nach atemberaubenden Bergpanoramen sehnen und in der Mehrzahl mit dem Appalachian Trail beginnen. Vergleichsweise wenige von ihnen nehmen danach noch einen weiteren Megawanderweg in Angriff. Wenn doch, dann meist den Pacific Crest Trail oder den Continental Divide Trail.

 

Als das Netz der US-Fernwanderwege konzipiert wurde ging es darum möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich auf den Trails zu erholen. Der NCT ist für 40% der Bevölkerung mit dem Auto in einem Tag zu erreichen und bietet vor allem den Bewohnern des Mittelwestens eine Abenteuerregion, die direkt vor ihrer Haustür liegt. Zudem verfügt er über so viele weltberühmte Attraktionen, dass Wanderer aus dem ganzen Land hierher kommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere