Fernwanderwege - Eine Reise zu sich selbst

Ich bin hinter das Geheimnis der Fernwanderwege gekommen. Es liegt darin sein Leben vorübergehend zurück zu lassen und für eine bestimmte Zeit ein anderes, unbekanntes, neues Leben zu führen. Jeder Tag auf einem Fernwanderweg startet mit der Frage, welches Abenteuer einen heute erwartet. Es zählen nur noch die Sorgen um die schmerzenden Füße oder wie weit es bis zur nächsten Schutzhütte ist. Die gewohnten Alltagssorgen fallen von einem ab und man lebt nur im Hier und Jetzt. Eine Fernwanderung ist deshalb so etwas wie eine Meditation - in Funktionsbekleidung. Nur wenige Fernwanderer sind ohne nachhaltige Veränderungen zurückgekehrt. All diese Wege mögen nach Norden, Süden, Osten oder Westen führen, doch immer führen sie auch nach innen.  

Jeder Trail eine eigene Seele

Manchmal frage ich mich, was einem Wanderweg seinen Kultstatus verleiht? Erwähnt man gegenüber jemandem, der schon einmal in freier Natur gezeltet hat oder auch nur ein Wochenende gewandert ist, den Namen Appalachian Trail, dann beginnt er unweigerlich zu schwelgen. Die meisten würden diesen Weg gerne wandern oder kennen jemanden, der diesen Weg schon gewandert ist. Viele haben den 3500 Kilometer langen Weg in ihrer Vorstellung bezwungen, angeregt von Bill Brysons Geschichte "Picknick mit Bären" oder durch einen Bericht der hundert anderen englischen Autoren, die ihre Bemühungen, den Trail zu bestreiten, zu Papier gebracht haben.   Lässt man die Worte Pacific Crest Trail oder Continental Divide Trail fallen, werden die Augen der Zuhörer noch größer. Ihre Faszination nimmt zu bei dem Gedanken an höhere Berge, größere Distanzen und die Gefahren der Wildnis. Die Begegnung mit einem Grizzlybär gehört zu einer der abenteuerlichen Erfahrungen, die den Wanderer auf einem der vielen Fernwanderwege der USA erwartet.  
  Vielleicht sind es auch die unglaublichen Zahlen, die zum Kultstatus der Wege beitragen: Der New England Trail ist mit knapp 350 Kilometern Länge der kürzeste der elf offiziellen National Scenic Trails der USA, der North Country Trail mit 7400 Kilometern der Längste. Jeder einzelne Trail hat Merkmale, die er mit anderen teilt oder über die nur er verfügt. Arizona und Florida liegen beide im Süden und können auch im Winter gewandert werden. Arizonas Wüsten mit Felsformationen aus rotem Sandstein sind jedoch nicht mit Floridas Wasser bedeckten Grünflächen zu verwechseln. Werden die Trails in Arizona von Riesenkakteen gesäumt, führen sie in Florida durch Zypressensümpfe voller Alligatoren.   Auch die sandigen Wegstrecken am Grand Canyon haben nichts mit denen an den Stränden des Golfs von Mexiko zu tun. Selbst Wege wie der Pacific Crest Trail (PCT) und der Continental Divide Trail (CDT), die sich vom Terrain her ähneln, da sie beide durch Wüsten im Südwesten der USA führen, weisen Unterschiede auf. Der CDT beispielsweise hat weniger Wanderer, der PCT weniger Wegweiser. Die Route des CDT, die wie die des PCT über die höchsten Berge des Landes führt, ist gespickt mit Relikten der amerikanischen Geschichte, während der PCT wegen seiner berühmten Gebirgslandschaften verehrt wird.   Jeder der elf National Scenic Trails hat seinen eigenen Charakter, oder, wenn man will, seine eigene Seele. Die National Scenic Trails führen auf rund 30 000 Kilometern durch 32 Bundesstaaten und buchstäblich jede Landschaftsform der USA.  

11 National Scenic Trails

Appalachian Trail Pacific Crest Trail Continental Divide Trail Arizona Trail New England Trail Florida Trail Ice Age Trail Natchez Trace Trail North Country Trail Pacific Northwest Trail Potomac Heritage Trail

Liest man Bücher von Fernwanderern, stößt man auf typische Erfahrungen, die jeder macht, der einen Trail in Angriff nimmt. Auf einem Weg schwebt der Wanderer in der Gefahr einen Hitzeschlag zu erleiden, auf einem anderen muss er kilometerlang durch kniehohes Wasser waten. Der eine sucht in der Wildnis Trost und Entspannung, ein anderer will einen Geschwindigkeitsrekord aufstellen, und ein Dritter hat es sich zum Ziel gesetzt, jedes Lokal ausfindig zu machen, das sich in Gehentfernung vom Trail befindet oder per Anhalter zu erreichen ist.

 

Welche Absichten und Erwartungen die Autoren vor ihrem Aufbruch auch immer gehegt haben mögen, am Ende berichtet jeder, dass die Anforderungen höher gewesen seien als vorhergesehen. Dass die ersten Tage die schlimmsten gewesen seien, die Tagesetappen zu groß, das Wetter zu schlecht und die Stechmücken zu blutrünstig. Die Schuhe waren zu eng, das Gepäck zu schwer, die Wege schlecht markiert, die Anstiege zu steil und die Weggefährten inspirierend, fürchterlich verdreckt, stark oder einfach nur komplett verrückt.

 

Umso größer ist die Belohnung für das Erduldete: die erreichte körperliche Fitness, das Bezwingen von Berggipfeln und überwinden von Hindernissen, die Ruhe und Einsamkeit der Wildnis, das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die Selbsterkenntnis. All dies sind prägende Erfahrungen eines Fernwanderers, unabhängig davon, ob ein Trail ihn über die höchsten Berge oder durch Flusstäler des Landes geführt hat.

 

Das National Trails System

Das National Trails System (Karte) ist ein Wegenetz von Scenic (malerischen), Historic (historischen), Recreation (Erholungs-) und Geologic (geologischen) Fernwanderwegen, die durch das Gesetz National Trails System Act von 1968 geschaffen wurden.

 

Das 1968 verabschiedete und zuletzt 2009 novellierte Gesetz zur Regelung des Verbundnetzes von Fernwanderwegen, der National Trails System Act, verfolgt das Ziel, dem stetig zunehmenden Bedürfnis einer wachsenden Bevölkerung zu entsprechen, in der freien Natur Erholung zu finden und deshalb Naturgebiete zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Verbundnetz ermöglicht es den Bewohnern der dicht besiedelten Regionen, das malerische Hinterland zu erkunden und historischen Handelsrouten zu folgen.

 

Das Gesetz fördert die Tätigkeit von ehrenamtlichen Helfern, die ihre Zeit dem Ausbau und dem Erhalt der Wege widmen. Die Trails sollen nach dem Gesetz so angelegt werden, dass sie Flussläufen folgen, durch Wüsten, Sumpfgebiete, Grassteppen, Gebirge, Schluchten oder durch andere Regionen verlaufen, die die landschaftliche Vielfalt der Nation repräsentieren.

 

Das Wegenetz des National Trails System, bestehend aus den National Scenic Trails (malerische Fernwanderwege), National Historic Trails (Historische Wanderwege), National Recreation Trails (Wanderwege zur Erholung), Verbindungsrouten und seit kurzem auch einem nationalen geologischen Lehrpfad, umfasst insgesamt rund 100 000 Kilometer. Als Ergebnis von Entschlossenheit und glücklicher Fügung verbinden die Wege das Beste, was die USA an Naturlandschaften zu bieten haben - von den Redwood-Wäldern bis zum Golf von Mexiko.

 

National Scenic Trails System: 11 Fernwanderwege

Das National Scenic Trail System ist ein Teil des gesamten National Trails System der USA. Mittlerweile gibt es 11 National-Scenic-Trails-Fernwanderwege, die wegen ihrer besonderen Naturschönheiten zum National Scenic Trail benannt wurden. Was immer der Wanderer suchen mag, er wird es auf einem der Wege finden.